Liebe Schwestern und BrüderHeute geht es um das Thema Neid. Die Mutter aller Neid-Neidschichten steht ganz am Anfang in der Bibel (Gen 3, 1-5):

Die Schlange war schlauer als alle anderen Tiere des Feldes,

die, Gott der Herr, gemacht hatte.

Sie sagte zu der Frau: »Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von keinem der Bäume im Garten essen dürft?«

2Die Frau erwiderte der Schlange:» Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen.

3Nur die Früchte von dem Baum, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott uns verboten.

Er hat gesagt: ›Esst nicht davon, berührt sie nicht einmal, sonst müsst ihr sterben!‹«

4Die Schlange entgegnete der Frau: »Ihr werdet ganz bestimmt nicht sterben.

5Denn Gott weiß: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf. Ihr werdet wie Gott sein und wissen, was Gut und Böse ist.«

Das ist eine sehr alte Geschichte. Und gleichzeitig total modern. Denn das in der Geschichte beschriebene Problem ist aktueller denn je. Neid kennen wir alle. Und jeder Neid ist meiner Meinung nach immer auf das zurück zu führen, was hier erzählt wurde.

Ich fange beim Thema Neid erst einmal bei mir selbst an. Ich will mal einen Augenblick so tun, als wäre ich neidisch – und überlegen, was mir da so einfällt. Und dann fallen doch ein paar Sachen ein. Ich bin zum Beispiel neidisch auf Lottogewinner: Das ist für mich der Gipfel des unverdienten Glücks. Ich habe mal einen Deal mit Gott versucht, als es einen besonders großen Jackpot gab. Ich habe gesagt: Wenn ich gewinne, kriegst du die Hälfte! Leicht verdientes Geld für uns beide, dachte ich. Aber Gott wollte nicht. Stattdessen hat dann irgendeine Tippgemeinschaft gewonnen, die das Geld wahrscheinlich mit sinnlosem Luxus durchgebracht hat.

 

Ich hatte mein erstes Neiderlebnis übrigens schon als kleines Kind: Als alle anderen schon coole Jeans anhatten, musste ich immer noch in den selbstgenähten grauen Stoffhosen rumlaufen, wie eine wandelnde Vogel-scheuche. Und dass dieser blöde Gockel in der Schulbank links vor mir immer die neuesten Klamotten und Schuhe hatte und damit bei den Mädels angab, habe ich ihm nicht gegönnt. Das war mein erstes Neid-Trauma.

Ich glaube, es sind sehr oft relative Kleinigkeiten. Neid richtet sich auf Dinge, die ganz nett sind, die wir aber nicht zum Überleben brauchen. So möchte ich es jedenfalls heute definieren. Denn wenn mein Nachbar schwer krank ist (und ich bin gesund) und mein Nachbar hadert damit, dann würde ich das nicht neidisch nennen. Wenn einer wirklich hungert und daneben frisst einer zwei BicMac in sich hinein, dann ist er nicht neidisch, wenn der darunter leidet.

Neid richtet sich auf etwas ganz anderes: die dicken Kirschen in Nachbars Garten, die hübsche Freundin des blöden Macho-Typen, der Lottogewinn. Neid ist es dann, wenn ich es dem anderen nicht gönne. Wenn ich darüber nach den-ke, wie es anzustellen wäre, dass der andere das nicht hat. Das ist Neid.

Neid ist eine enorme Macht, die uns regelrecht überfällt. Neid kann so stark wachsen, dass er uns und unsere Beziehungen zerfrisst. Schon die nächsten Seiten der Bibel nach der eingangsgehörten Geschichte erzählen davon. Bei Kain und Abel, bei den beiden Söhnen von Adam und Eva ging es auch um eine Kleinigkeit. Kain ist neidisch, dass Abels Opfergabe von Gott angenommen wird und seins nicht. Aber dieser Neid geht soweit, dass Kain den Abel ermordet. Neid hat etwas sehr Zerstörerisches. Ich vermute, neben toxischer Liebe ist Neid eines der häufigsten Motive für Verbrechen.

Warum sind wir eigentlich neidisch?

Manche würden sagen: Das liegt an der Leistungsgesellschaft, die den Wert eines Menschen am Erfolg seiner Arbeit abliest: „Haste was, dann biste was!“ Nur wer viel hat, ist viel wert. Übrigens gibt es diesen Gedanken in etwas abgewandelter Form in einer bestimmten evangelischen Theologie: Im Calvinismus ging man mal davon aus, dass jemand, der viele materielle Güter hat, daran erkennen kann, dass er Gott viel bedeutet, dass Gott ihn auserwählt hat……. Das wäre natürlich Pech für jemanden wie Mutter Theresa.

Aber Spaß beiseite. Ich glaube, die Wurzeln des Neides liegen tiefer: Kain und Abel lebten ja eigentlich nicht in einer modernen Leistungsgesellschaft. Und Neid gibt es bestimmt auf der ganzen Welt unabhängig davon, welche Werte und Ideale eine Gesellschaft hat, auch unabhängig wie reich diese Gesellschaft ist. Ich glaube, wir Menschen neigen einfach dazu, ständig Angst zu haben, dass wir zu kurz kommen oder dass wir nicht wichtig genug sind.

Liegt es daran? Haben wir alle unseren kleinen Minderwertigkeitskomplex? Eigentlich denke ich eher das Gegenteil: nämlich, dass wir uns im Grunde unseres Herzens eben doch für den Mittelpunkt der Welt halten und deshalb auch den Anspruch haben, dass niemand besser dastehen darf als ich. Ich bin der Größte, da kann es doch nicht sein, dass der Nachbar zum Vereinsvor-sitzenden gewählt wird und nicht ich. Ich neide das dem anderen und werde mich dann an jedem Fehler, den er macht, laben.

Der Darwinismus sieht Neid als ganz normal und sogar positiv: Nur wenn jedes Lebewesen innerhalb seiner Art ganz selbstverständlich den ersten Platz beansprucht und dann im Wettkampf mit den anderen Mitgliedern seiner Art herausfindet, wer wirklich der Stärkste ist, wird das Beste sich durchsetzen. „Survival of the fittest.“

Die Bibel ist da wesentlich realistischer als die Naturwissenschaft. Denn so normal, wie es die Evolutionslehre darstellen möchte, empfinden wir ja den Neid ja gar nicht. Die Bibel trifft unsere Gefühle da schon besser, wenn sie den Neid als großes Problem darstellt. (Gal 5). Und zwar als Problem, von dem schon die Paradiesgeschichte ganz am Anfang der Bibel spricht. Da kommt ja das verführerische Angebot der Schlange: „Ihr könntet sein, wie Gott! Warum gebt ihr euch mit weniger zufrieden?“ Und Adam und Eva, die symbolisch für alle Menschen stehen, können dieser Aussicht nicht widerstehen. Der Mensch, der von Gott geschaffen ist, will sein wie Gott. Er will selber Gott sein. Oberste Instanz. Er will sich niemandem unterordnen. Alles soll sich ihm unterordnen. Und da darf dann natürlich niemand besser dastehen, als man selber. Es ist schon interessant, dass die Bibel es als Ur-Sünde ansieht, dass wir Gott sein Gott-Sein neiden und deshalb alles daran setzen Gott schlecht zu machen, ihn klein zu reden, ihn zu verharmlosen, ihm die Schuld in die Schuhe zu schieben, oder ihn einfach links liegen lassen.

Nun haben wir vielleicht erklärt, woher der Neid kommt. Aber was kann man dagegen tun?  Hier ist also ein 4-Punkte-Programm gegen den Neid (Einüben in den 7 Wochen der vor uns liegenden Fastenzeit – Verzicht auf Neid):

  1. Den Tatbestand prüfen

Prüfe den Tatbestand sorgfältig, wenn der Neid an Deine Tür klopft: Gibt es denn wirklich einen Grund, neidisch zu sein? Ist das Gras wirklich immer grüner auf der anderen Seite des Zaunes? Wir alle kennen ja die Kühe, die sich den Hals fast am Stacheldraht aufreißen, um Gras von der anderen Seite des Zaunes zu ergattern, obwohl sie auf einer großen grünen Wiese stehen. Der Nachbar fliegt für 10 Prozent, weil seine Frau bei der Lufthansa arbeitet. Aber warum gönnen wir ihm das nicht? Vielleicht ist das ein Ausgleich dafür, dass die Familie ständig getrennt ist, weil die Frau durch die Weltgeschichte fliegen und betrunkene und übergriffige männliche Touristen im Tripper-Bomber nach Bangkok bedienen muss. Vielleicht ist es gut sich bei aufkommenden Neid immer zu fragen: Will ich wirklich tauschen?….. Mit allen Konsequenzen?

  1. Bescheidenheit üben

Wenn nach gewissenhafter Prüfung wirklich etwas da ist, was ein anderer uns voraushat, dann ist im Kampf gegen den Neid Bescheidenheit angesagt. Wir sind halt nicht die Größten – und müssen es auch nicht sein. Wir haben nicht auf alles einen Anspruch. Und wir müssen deswegen nicht sofort verzweifeln oder Komplexe kriegen. Manchmal haben andere mehr als wir, und sie haben es sich, verflixt noch mal, vielleicht auch verdient. Wenn jemand doppelt soviel arbeitet wie wir, warum soll er dann nicht auch doppelt so oft Urlaub machen oder doppelt so teuren Urlaub? Das heißt doch noch lange nicht, dass er als Mensch mehr wert ist als ich oder dass Gott ihn mehr liebt. Oder dass er damit wirklich glücklicher ist.

  1. Lieben lernen

Wenn wir nun auch bei aller Bescheidenheit zu dem Schluss kommen, dass ein anderer ein unverdientes Glück genießt: Probieren wir es doch mal mit Liebe. Liebe ist ein gutes Mittel gegen Neid. Und wisst Ihr warum? Wir sind nicht neidisch auf Menschen, die wir lieben. Im Gegenteil: Wir freuen uns doch, wenn diejenigen, die wir lieben, ein besonders gutes Leben führen. Ich kenne zum Beispiel keine normalen Eltern, die neidisch sind, wenn ihre Kinder Erfolg haben, oder es ihnen gut geht. Im Gegenteil: „Meine Kinder sollen es einmal besser haben“, sagen Eltern. Liebe löst Neid auf. Vielleicht sagt darum Jesus auch so eindringlich: „Liebet eure Feinde!“ Wer liebt, der baut erst einmal alle negativen Gefühle ab – und das tut erst einmal uns selbst unendlich gut.

Natürlich ist klar, dass wir nicht einfach auf Kommando lieben können. Aber ich glaube, man kann das ein bisschen üben. Das ist kein besonders populärer Gedanke, weil die Liebe bei uns meist als dieser romantische Blitz beschrieben wird, auf den man warten und hoffen muss und der uns dann unwiderstehlich ergreift und der auf keinen Fall mit Arbeit und Kompromissen verbunden sein darf. Aber das ist eine sehr eingeschränkte Sicht von Liebe. Liebe ist auch eine Lebenshaltung, um die man sich bemühen kann. Eine gute Gewohnheit. Eine Philosophie. Jeder Tag ist Gelegenheit zum Üben.

  1. Gott vertrauen

Mein vierter Punkt ist Vertrauen auf Gott. Im Römerbrief steht: „Denen die Gott lieben, werden alle Dinge zum besten dienen.“ (Röm.8, 28). Und ich muss vielleicht zur Erklärung so ergänzen: Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen, weil Gott sie liebt. Das ist gleichzeitig einer der schönsten und einer der schwersten Verse der Bibel. Und ich würde ihn nicht jederzeit und nicht überall zitieren. Aber wenn wir neidisch sind, können wir ihn uns eigentlich übers Bett hängen. Und können uns von diesem Vers sagen lassen: Gott hat einen Lebensentwurf für dich, den er mit dir gemeinsam umsetzen möchte. Und das heißt: du wirst am ehesten glücklich und du lebst am ehesten sinnvoll mit diesem Lebensentwurf, also ohne das, worauf du neidisch bist. Wenn es anders wäre, hätte Gott es dir gegeben. Wenn du zum Beispiel genau-so gut malen könntest wie dein Freund, dann hättest du vielleicht nicht mehr Gitarre spielen gelernt, oder könnest nicht so leckere Kuchen backen. Aber Gott brauchte dich eben als Gitarrespieler, oder als Kuchenbäcker, nicht als Maler. Um noch mal auf die Paradiesgeschichte zurückzukommen und das Problem, um das es dort geht, dass wir neidisch auf Gott sind: Wir leben nicht sinnvoll, wenn wir sein wollen wie Gott, sondern wir leben sinnvoll, wenn wir so sind wie Gott uns will.

Ich schließe mit Worten, die an den Theologen Ernst Lange anknüpfen, der die zehn Gebote beschrieben hat als etwas, das uns nicht knechten und klein machen will, sondern als etwas, das uns frei machen will. Und zum Gebot „Du sollst nicht begehren….“, worin das Thema Neid ja genau vorkommt, finden wir bei Ernst Lange folgende Worte, die noch einmal deutlich machen, welcher Gewinn, welche Freiheit darin liegt, den Neid zu überwinden: „Du hast die Freiheit, dem anderen zu gönnen, was er hat. Du hast die Freiheit, ein guter Partner für deine Mitmenschen zu sein, ohne immer ängstlich an dich selber denken zu müssen. Du kannst teilen. Du hast die Chance, dich ohne Neid an dem Erfolg eines anderen zu freuen und so Freude zu verbreiten wie eine ansteckende Gesundheit.“  

Bei Gott komme ich nicht zu kurz. Diese Gewissheit kann einem festen Boden unter den Füßen geben. Darauf kann man sich stellen. Amen

(Pfr. Alan Büching, Diedorf)

DANKE für den sehr guten und tiefen Einstieg in die Fastenzeit!