Mönche von Tibhirine werden als Märtyrer anerkannt

Die nächste Etappe auf dem Weg zur Seligsprechung (Artikel aus der Tagespost)

Der Vatikan hat das Martyrium der Trappistenmönche anerkannt.
von Freddy Derwahl

Die Mönche aus dem Kloster Tibhirine erlitten das Martyrium „aus Hass auf den Glauben“.
Es war in der Nacht zum 27. März 1996. Bruder Jean-Pierre schlief im Pförtnerhaus des Trappistenklosters Tibhirine am Rande des algerischen Atlas-Gebirges. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, die kleine Gemeinschaft von neun Mönchen wurde seit Monaten von Terroristen des GIA bedroht. Die Mönche nannten sie „unsere Brüder aus den Bergen“. Wiederholt hatten sie der Präfekt des benachbarten Medea, die Polizei und ihre Mitbrüder in der französischen Abtei Aiguebelle aufgefordert, den bedrohten Ort zu verlassen. Doch die Antwort lautete: „Wir werden erst gehen, wenn die Einwohner uns darum bitten.“ Diesmal wurde Bruder Jean-Pierre durch sonderbare Geräusche geweckt, seine erste Reaktion war: „Da sind sie.“

Die etwa 20 Angreifer des Kommandos hatten nicht geklingelt, die mit Maschinenpistolen bewaffneten Männer waren eingedrungen und suchten die Zellen des Priors Bruder Christian und des Arztes Bruder Luc, die bald im Hof vor dem Portal erschienen. Luc hielt seine Tasche für Arztbesuche in der Hand. Christian fragte mit einer entschlossenen Stimme: „Wer ist der Chef.“ Jemand antwortete: „Der da. Man muss tun, was er sagt.“ Alle Telefonkabel wurden durchgeschnitten. Bald darauf eine sonderbare Stille, die Türen der Mönchszellen standen offen, die Lichter waren erloschen. Dann klopfe es am Pförtnerhaus, es war Bruder Amédée, der atemlos sagte: „Weißt du, was geschehen ist? Wir sind allein. Alle anderen wurden entführt.“ Der Chef der Bande hatte gefragt: „Sind es die sieben?“, er wusste nicht, dass es neun waren. So wurden Jean-Pierre und Amédée gerettet.

Die beiden wollten am nächsten Tag im Kloster bleiben, doch das Militär, das mit einer Hundertschaft erschienen war, drängte sie zum Aufbruch nach Algier. Ihre letzte Mahlzeit bestand aus einer Bohnensuppe, die der entführte Bruder Luc am Tag zuvor gekocht hatte. Jean-Pierre packte die letzten Sachen zusammen: Dokumente, liturgische Gewänder, Kelche. Dann wurde die Kapelle verbarrikadiert, es war ein ehemaliger Weinkeller, mit arabischen Kacheln und einer großen Holzkreuz. Dann raste der Konvoi mit den beiden durch die enge Chiffa-Schlucht in die Hauptstadt, an jeder Kreuzung stand Militär.

In einer wichtigen Geste ernannte der Generalabt der Trappisten, Bernardo Olivera, den Überlebenden einen persönlichen Berater. Es war der Prokurator des Ordens, der Kanadier Armand Veilleux, Abt des belgischen Klosters Scourmont. Erst vor wenigen Monaten hatte er in Tibhirine seine Regularvisite abgehalten, mitten in den Bedrohungen und Ängsten, denen die Gemeinschaft ausgesetzt war. Dom Veilleux hatte es als eine Gnade empfunden: „Eure Wurzeln im Boden Algeriens und seines Volkes sind tief“, sagte er und erinnerte an die dramatische Ermordung von zwölf kroatischen Arbeitern im vier Kilometer entfernten Tamesguida, denen man die Kehlen durchgeschnitten hatte. „Ich glaube nicht, dass jemand von euch einen gewalttätigen Tod herbeiwünscht“, sagte der Visitator, „doch glaube ich auch, dass ihr ihn alle als eine Konsequenz eurer Entscheidung hier zu bleiben akzeptiert. Diese Gelassenheit schenkt euch den wahren Frieden.“ Dabei erwähnte er auch einen ersten „Besuch der Brüder aus den Bergen“ in der Weihnachtsnacht 1993. Dem Prior Christian war es damals gelungen, den gefürchteten Anführer Sayad Attia zum Rückzug zu bewegen. Nach dem Besuch von Veilleux, der eine Laudatio auf das risikoreiche Leben der Trappisten gehalten hatte, war ihr Standpunkt klar. Die Brüder waren sich einig zu bleiben, der Orden wusste Bescheid. Das Unaufhaltsame nahm seinen Lauf.

Sayad hatte beim ersten Überfall gefordert: „Ich will den Papst dieses Winkels sehen.“ Doch dieser „Papst“ antwortete ihm in aller Ruhe: „Man betritt diesen Ort nicht mit Waffen. Wenn Sie diskutieren wollen, dann müssen die Waffen raus.“ An sich waren diese Worte im Angesicht der tödlichen Bedrohung unverfroren, doch lenkte Sayad ein.

Christian stellte eine weitere Frage, die ihm den Kopf hätte kosten können: „Wisst ihr eigentlich, an welchem Tag ihr hier auftaucht? Wir bereiten uns auf die Nacht vor, in der wir die Ankunft des Friedensfürsten feiern, Sidna-Aissa.“ Der Anführer staunte: „Das wussten wir nicht, aber wir kommen wieder.“ Das war ein Ultimatum. Er reichte dem Prior die Hand, doch dieser zögerte zunächst, weil daran das Blut der Kroaten klebte. Dann vereinbarten sie ein Codewort für den Fall, dass sich bei ihrer Rückkehr noch andere Personen im Gasthaus des Klosters aufhalten sollten. Das Geheimwort lautete: „Monsieur Christian“. Sayad wurde kurze Zeit später bei einem Kampf zwischen zwei verfeindeten Terror-Gruppen schwer verletzt. Bevor er starb, rang er neun Tage in der Nähe des Klosters mit dem Tod. Zur Abschreckung vor weiteren Übergriffen wurde seine Leiche an einem Auto festgebunden und durch Medea geschleift. Es war die Sprache gegenseitiger Gewalt. Die Mönche waren empört und Christian sagte über seinen Widersacher: „Sie haben ihn zweimal getötet.“ Die Lage eskalierte, in Algier wurden weitere Ordensleute auf offener Straße umgebracht. In Medea bot der Präfekt den neun Mönchen ein leer stehendes Hotel als Unterschlupf an. Doch sie lehnten mit den Worten ab: „Wir wollen bei den Menschen bleiben, sie würden nicht verstehen, wenn wir sie in der Stunde der Gefahr verlassen.“

Fünf Wochen nach der Entführung war der französischen Botschaft in Algier vom Geheimdienst eine Tonbandaufzeichnung mit einer Nachricht der sieben Brüder zugespielt worden. Bischof Tessier, der selbst einige Monate später einem GIA-Attentat zum Opfer fallen sollte, erkannte sofort die Stimmen. Als erster sprach Christian: „Heute ist der 20. April. Es ist elf Uhr vormittags. Ich bin Bruder Christian, der Sohn von Monique und Guy de Chergé, ich bin 59 Jahre alt, Mönch des Kloster Tibhirine und Prior der Gemeinschaft. Wir informieren Sie darüber, dass wir Geiseln von Mudschahedin sind, der Jamaa Islamiya. Wir leben und sind bei bester Gesundheit.“ Es folgten die Stimmen der übrigen Mönche, die den gleichen Text wiederholten. Nur Luc, der alte Arzt, wagte zu protestieren: „Was ist das für ein Zeug, das ich da vorlesen soll?“ Schließlich hörte man noch einmal die Stimme von Christian, der auf die ursprüngliche Forderung der Entführer nach der Freilassung von Gefangenen hinwies: „…andernfalls werden wir nicht zurückkehren.“ Am Morgen des 21. Mai 1996 wurde der Presse ein Kommuniqué des Emirs der GIA übermittelt, das mit zwei Hadithe des Propheten und einem Koranvers über „den, der sein Versprechen einhält“ begann. Es bestand kein Zweifel, der Text war authentisch, er klang nach brutaler Realität. Nach einer Aufzählung der vom GIA unternommenen Versuche eines Gefangenenaustauschs hieß es wörtlich: „Wir dachten, dass Ihnen tatsächlich daran gelegen war, die sieben Mönche gesund und unverletzt zurück zu erhalten… Später haben der französische Präsident und sein Außenminister jedoch angekündigt, dass es weder Dialog noch Verhandlung mit der GIA geben werde. Somit haben Sie den Kontakt abgebrochen und wir haben daraufhin die sieben Mönche enthauptet. Damit haben wir unsere Drohungen wahr gemacht, so wie wir uns gegenüber Gott verpflichtet hatten. Gelobt sei Gott. Dies wurde ausgeführt am Morgen des Mittwochs den 21. Mai.“ Es folgen erneut eine Koran-Sure und ein Hadith des Propheten, sowie Unterschrift und Stempel des Emirs der GIA.

Jean-Pierre nahm nach der schrecklichen Nachricht „Die Brüder sind getötet worden“ während der Vesper in ihrem Exilkloster im marokkanischen Fes den schluchzenden Jüngsten in seine Arme und tröstete ihn mit den Worten: „Sei nicht traurig. Was hier geschieht, ist etwas sehr Großes. Wir müssen mit dem Ereignis auf der Höhe sein.“ In seiner neuen Zuflucht, dem Kloster Midelt am Hohen Atlas in Marokko, tritt der 94-Jährige vor die Ikonen der unvergessenen Mitbrüder: „Für mich waren die sieben schon Märtyrer. Ich liebe diese innere Freude, die von anderswo kommt.“

Wenige Tage nach der Todesnachricht meldete der Prokurator Pater Veilleux den beiden überlebenden Mönchen, dass man die Brüder gefunden habe, „… aber nur noch ihre Köpfe“. Zusammen mit dem französischen Botschafter, dem Generalkonsul, Bischof Tessier, Dom Bernardo Olivera und den Brüdern Jean-Pierre und Bruder Amédée begab er sich in das Militärhospital Ain Naadja in Algier, um die sterblichen Überreste der Sieben in Empfang zu nehmen. Die Behörden hatten die Särge nebeneinander aufgestellt und bereits verschlossen. Auf jedem Sarg lag eine Rose. Dom Bernardo bat den Oberst, die Sargdeckel zu öffnen. Er lehnte ab, sie seien schon versiegelt. Doch bestand der Ordensgeneral auf seiner Bitte, erhielt jedoch zur Antwort, das zuständige Personal habe das Hospital bereits verlassen. Dennoch blieb der argentinische Mönch unerschütterlich; er kannte die Praxis südamerikanischer Drogenbosse, die Öffentlichkeit mit leeren Särgen zu täuschen. Vor dem Oberst gab er jedoch an, es sei unerlässlich, sich offiziell vom Tod der Mönche zu vergewissern, da er für die Benachrichtigung der Familien verantwortlich sei. Erst dann wurde die Öffnung der Särge angeordnet.

Der Generalabt und sein Prokurator schreckten zurück. Auf dem Filztuch der Särge befanden sich tatsächlich nur die sieben Köpfe. Nur Christian und Luc waren noch zu erkennen. Ein Arzt der Botschaft wurde hinzugezogen um die Leichen zu identifizieren und den Totenschein auszustellen. Dom Olivera schrieb später: „Wir haben unwillkürlich an Johannes den Täufer gedacht. Es war erschütternd. Innerhalb von zwanzig Minuten war alles vorbei.“

Die Trauerfeier fand zusammen mit dem kurz zuvor verstorbenen Kardinal Duval, einem engen Freund der Mönche, in der Kirche „Notre-Dame de l?Afrique“ statt. Unzählige Priester standen in roten Talaren um den Altar. Papst Johannes Paul II. hatte Kardinal Arinze als Legat nach Algier geschickt. Neben ihm der Erzbischof von Paris, Kardinal Lustiger, vor den Särgen die Familien der Opfer. Es waren erschütternde Szenen. Auf den Stufen der Marienkirche fanden sich im Angesicht des Todes Christen und Moslems wieder zusammen.

Freddy Derwahl: Der letzte Mönch von Tibhirine. Verlagsgruppe Random House, München, 2012, 192 Seiten, ISBN 978-3863341206, EUR 14,99

 

Hintergrund

Der Vatikan hat 22 Jahre nach der Ermordung den Weg für die Seligsprechung der sieben französischen Trappistenmönche in Algerien frei gemacht. Die Ordensbrüder aus dem Kloster Tibhirine wurden zusammen mit dem damaligen Bischof von Oran, Pierre Claverie, sowie elf weiteren Katholiken, die während des algerischen Bürgerkriegs zwischen 1994 und 1996 getötet wurden, als Märtyrer anerkannt. Die neunzehn Märtyrer seien „aus Hass auf den Glauben“ ermordet worden, teilte der Vatikan am 27. Januar 2018 mit. Die Erhebung zum Märtyrer ist in der römisch-katholischen Kirche Voraussetzung im Seligsprechungsverfahren. Papst Franziskus unterzeichnete nun die Dekrete, um die Verfahren, welche im Juli 2016 eröffnet worden waren, fortzusetzen.

Die sieben Mönche im Alter zwischen 45 und 82 Jahren waren Ende März 1996 aus dem Kloster Tibhirine südwestlich von Algier von Islamisten verschleppt worden. Zwei Monate später wurden ihre enthaupteten Köpfe gefunden. Der französische Film „Von Menschen und Göttern“ (2010) erzählt von ihrem Martyrium.

 

Erst waren sie einfache Mönche
eine katholische Gemeinschaft mitten unter Muslimen in Algerien. Dann wurden sie (unter immer noch nicht ganz geklärten Umständen) aus ihrem Kloster entführt und getötet.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

2010 machte ein Spielfilm auf die Mönche von Tibhirine aufmerksam, Titel: „Von Menschen und Göttern“. Heute hat nun Papst Franziskus sie als Märtyrer anerkannt – und damit den Weg zu ihrer Seligsprechung freigemacht.

Der Vatikan veröffentlichte Dekrete, die den gewaltsamen Tod von insgesamt 19 Katholiken zwischen 1993 und 1996 während des algerischen Bürgerkriegs als Martyrium anerkennen. Unter diesen 19 Katholiken sind die sieben Trappistenmönche aus dem Kloster von Tibhirine und auch der Altbischof von Oran, Pierre Claverie. Einen Termin für ihre Seligsprechung gibt es noch nicht.

„Jeder von ihnen starb, weil er beschlossen hatte, trotz des Krieges bei seinen Nächsten auszuharren“, schreiben die Bischöfe Algeriens in einem Statement von heute. Und weiter: „Ihr Tod belegt, dass auch schon ihr Leben ganz im Dienst der anderen gestanden hatte – im Dienst an den Armen, den Frauen in Schwierigkeiten, den Behinderten, den jungen Leuten, den Muslimen. Sie wurden Opfer einer mörderischen Ideologie, einer Verzerrung des Islam, die keine Menschen anderer Nationalität und anderen Glaubens duldete.“

Die künftigen Seligen sind, so betonen die algerischen Bischöfe, „keine Helden“, sondern einfach „Mitglieder einer kleinen katholischen Gemeinschaft, die Algerien im Augenblick einer schweren Prüfung nicht verlassen wollte“. Hier gehe es um das „tägliche Wunder der Freundschaft und der Geschwisterlichkeit“.

 

2018-02-05T13:13:32+00:00 29. Januar 2018|

Hinterlassen Sie einen Kommentar